Heidegger

Heidegger III – Sein und Zeit & Zeit ist Geld

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“Warum ist überall Seiendes und nicht vielmehr Nichts? Warum stellt Heidegger die Frage in seiner Antrittsvorlesung?“ [1-bitte lesen]. Weil er zu beobachten meinte, dass wir den Entzug und alles Entzughafte aus unserem Dasein verdrängen. Wir verdrängen die Angst und wir verdrängen, dass das Dasein ein Sein zum Tod ist. Das Verdrängen ist darum ein Problem, weil das Verdrängte trotzdem wirkt und wir nur mit Kontext des Nichts erfahren, dass das Sein nichts Selbstverständliches ist. Die Achtsamkeit auf das Sein ist das Entscheidende. Das Sein ist nicht Abstraktes – das Sein macht uns das Seiende zugänglich. Das Vorverständnis von Sein definiert die Art wie wir das Seiende erfahren. “Wir müssen Wirklichkeit, Realität, Lebendigkeit, Beständigkeit verstehen, um uns zu bestimmten Wirklichem, Realen, Lebendigen, Existierenden und Bestehenden Verhalten zu können.“[2]

Heideggers Meinung nach, haben alle Denker das Sein zur Sprache gebracht, aber eben im jeweiligen historischem Zuspruch des Seins. Das Sein enthüllt sich dem Menschen in verschiedenen Prägungen. Und die Welt ist entsprechend immer eine Andere. Zum Beispiel bei den frühen Griechen war es das Anwesen des Seienden oder Verborgenes kommt ins Unverborgene. Bei den Christen, das Geschaffen Sein durch ein höchstes Seiendes. Mit der Neuzeit, kommt der Mensch als Subjekt in den Fokus. Sein wird zur Objektität für ein maßgebendes Subjekt. Später wird die Subjektität in Ihrem Charakter zum Willen (z.B. Schoppenhauer), dessen eigentliches Wesen wird dann schließlich bei Nietzsche zum Willen zur Macht. Nun folgt die Epoche der Technik, in der wir laut Heidegger sind und um die es ihm geht.     Für Heidegger ist die Technik kein neutrales Instrument, das wir einfach benützen können und wenn wir vorsichtig damit umgehen, dann passiert nichts. In der klassischen Denkweise beherrschen wir die Technik. In seiner Sichtweise beherrscht auch die Technik uns. Sie definiert unsere Zielvorstellungen, unsere Wahrnehmungsweise der Wirklichkeit und damit auch die Handlungen. Die Technik ist eine spezifische Weise des Hervortretenlassens des Seienden. Die spezifische Art des Hervortretenlassens ist die Verfügbarkeit und die Nutzbarkeit. Überspitzt wie es in der Philosophie für die Klarheit notwendig ist: Der Fluss wird zum Energielieferanten und die Landschaft zum Erholungsgebiet. Die Technik lässt aber auch den Menschen spezifisch hervortreten, seine nutzbaren Fähigkeiten und seine Verlässlichkeit treten in den Fokus (Humankapital). Die Technik ist für Heidegger die Gefahr schlecht hin. Indem Sie das Seiende nur mehr unter dem Gesichtspunkt seiner Verwertbarkeit zum Vorschein kommen lässt, raubt sie den Dingen Ihr Wesen. Wenn Dinge nur aus technischen Bezügen heraus gesehen werden, dann wird Ihnen Ihr Eigenstes genommen. Dinge bestehen im Wesen aus den sinnhaften Bezügen. Jedes Ding verweist auf andere Dinge und die Summe der Bezüge ist unsere Welt. Eine Reduktion der Bezüge „durch die Technik Brille der Nutzbarkeit“ beraubt uns der vertrauten Welt. Da Dinge den Menschen nicht mehr ansprechen und ihm nichts mehr – Im Sinne der Verweisungen – sagen können, macht sich im Menschen eine innere Leere breit. Sie äußert sich in Langeweile, die mit künstlichen Ersatzwelten kompensiert wird. Die Rettung sieht er im Erkennen dieser Leere oder der Langeweile. Und in der Umkehrung, in der der Mensch vom „Herrn des Seienden“ zum “Hirten des Seins“ wird.

Typische Gesellschafts- und Zivilisationskritik? Geht schon tiefer. Einige Punkte, denen ich so gar nicht zustimme[3], aber erst Mal zu jenen Punkten denen ich zustimme.      Heidegger geht von einem Technikzeitalter aus. Er beschreibt, dass wir z.B. die Natur nur aus einer Nützlichkeitsperspektive beleuchten. Der Strom wird zum Wasserkraftwerk, die Landschaft zur Tourismusregion etc. Die Vereinfachung der Bezüge wird in der Finanztechnik (oder im Zeitalter des Finanzkapitalismus[4]) noch radikaler – noch abstrakter. Von der Nützlichkeit zum Cash Flow. Wir sehen nicht mal mehr das Kraftwerk oder das Bergwerk, welche wenigstens noch einen Bezug zur Natur hatten, sondern Entscheiden vom Handelsraum oder Konferenzraum aus über abstrakte Finanzströme. Das Bergwerk wird zum Asset mit einem Cash Flow. Alles wird zu Geld, Selbst die Zeit. Das gilt für den umtriebigen Alltag und das gilt für eine durch Kredite finanzierte Gesellschaft, in der hinter jedem Asset (von der Autobahn über das Unternehmen bis zum Privathaus) im Hintergrund die Zinsuhr (mit Ihrer Zeitfunktion) tickt. Schade, vor allem wenn Heidegger mit seiner These richtig liegt, dass es die Möglichkeit gibt, in der Zeit die Einheit der verschiedenen Seinsformen zu sehen (Daher “Sein und Zeit“). Ähnliches gilt für den Menschen. Eine besonders findige Bank macht die Zinsen Ihrer Kunden auf dem Tagesgeldkonto von den Likes, die im Freundeskreis auf Facebook generiert werden, abhängig. Oder wie Jonathan Franzen in “Weiter Weg“[5] beschreibt – selbst der Raum von Freundschaften, wird wie der Raum der Konsumgüter ein Raum der Gefälligkeit. Wir produzieren Dinge damit sie Anderen gefallen und sie konsumieren und wir beginnen damit, diese Haltung in unseren sozialen Raum aufzunehmen (“Sexy FB Interface Filter, der Jeden gefällig macht“).                       Das Positive der Krise, wie in jeder Krise ist, dass sich gerade sehr viel Neues tut. Neues, das der von Heidegger beschriebenen Leere entgegenwirkt. Crowd Funding Plattformen und Kreditplattformen, ermöglichen innovative oder soziale Projekte, bei denen der Geldgeber wieder in den direkten Bezug zum Kreditnehmer treten. Die Krise der alten Banken, hat zu einem regelrechten Boom von Alternativbanken mit neuen Ansätzen geführt. Banken, die dem Menschen und den Sinn wieder Platz neben der Rendite geben. Durch die Krise hat sich auch das “Bewusstsein“ zu diesen Themen im gesellschaftlichen Diskurs grundsätzlich geändert.     Als Optimist, teile ich den Ansatz von Robert Shiller[6] der entgegen des derzeitigen Trends für mehr Finanztechnik plädiert. “Finance is not about making money per se. It is a functional science in that it exists to support other goals- those of the society.” Es geht für mich darum. die Finanztechnik in eine dienende Funktion zu bringen (“Hirte des Sein“), statt Sie zu verteufeln. Ein bewusster Umgang statt Sie abzuschaffen. Abschaffen oder Verbote bewirken keine Bewusstseinsveränderung. Hier bin ich nun im Wiederspruch zum Ansatz von Heidegger im ersten Teil, der ja die reine Instrumentalisierbarkeit der Technik (nun Finanztechnik) für Ziele verneint. Bin gespannt auf die Diskussion.

Für mich, nach dieser Diskussion, der letzte Heidegger Artikel. Zeit ist es. Ralf



[1] Sämtliche Inhalte zu Heidegger im ersten Teil des Artikels sind eine Zusammenfassung und zum Teil wörtliche Zitation des Artikels des Philosophie Professors Rainer Thurnher. “Heideggers seinsgeschichtliche Deutung der Technik“. In: La responsabilità del pensare. Scritti in onore di Mario Signore, a cura di Laura Tundo Ferente, Napoli (Liguori Editore) 2005, S 477 – 486. Da ich im Grunde den gesamten ersten Teil von Ihm übernommen habe, verzichte ich aus Gründen der Lesbarkeit auf wissenschaftliches zitieren. Sämtliche Vereinfachungen und Fehler sind natürlich meine. Ich empfehle den Artikel zu lesen – wirklich sehr gut.

[2] Wem diese Erklärung nicht reicht – ich kann es verstehen. Den zweiten Teil zu “Sein und Zeit“ hat er leider nie geschrieben. Die Annäherung über Sein und Zeit funktioniert trotzdem. Wem das zu lang ist keine Sorge, es ist für den weiteren Gedanken nicht zentral.

[3] a) Ich spüre bei Ihm diese Idealisierung der Vergangenheit. Wo sind die Römer die ganze Inseln für Flotten abgeholzt haben. Die Ägypter, Griechen und Römer die Ihre Sklaven primär unter einem Nutzbarkeitsgesichtspunkt gesehen haben. Vielleicht meint er aber nur die Philosophen der jeweiligen Zeit? b) Es steckt sehr viel drinnen in seinen Gedanken, er macht uns den Weg dazu aber sehr beschwerlich und am Ende fehlt dann doch die letzte Conclusio. Wie sollen z:b. wir zum "Hirten des Sein" werden?

[4] Robert J. Shiller, 2012, “Finance and the Good Society“, Princeton University Press, S.6

[5] Jonathan Franzen, 2012, “Weiter Weg“, Rowohlt Verlag,1 Auflage, S.14

[6] Robert J. Shiller, 2012, “Finance and the Good Society”, Princeton University Press, S.7